Im Frühling kann Kasachstan erneut mit einer Abnahme des Wasserstandes in den grenzüberschreitenden Flüssen mit der VR China konfrontiert werden. Neben Kasachstan wird die Dürre mehreren Regionen Russlands bedrohen. Peking aber weigert sich die Verhandlungen über die Verwendung des Wassers grenzüberschreitender Flüsse zu führen und erhöht die Wasserentnahme. Auf den Territorien von Kasachstan und China fließen 23 grenzüberschreitende Flüsse. Die größten von ihnen sind der Irtysch (der Hauptzufluss des russischen Flusses Ob, dem zweitlängsten Fluss der Welt nach dem Missouri) und der Ili. Jedes Jahr wird der Wasserstand in den Flüssen durch die Wasserumleitung aus China reduziert. Zugleich lehnt Peking es ab, Verhandlungen über die Wasserentnahmemenge von allen Ländern, die an der Strömung der grenzüberschreitenden Flüsse liegen, aufzunehmen. Stattdessen bietet Peking einen doppelseitigen Vorschlag. Peking erklärt, dass China eine erforderliche Wassermenge bis zum Ende des Entwicklungsprogramms für die Uigurische Autonomie (Sinntszyan) entnehmen wird.

Die ersten Schritte der wirtschaftlichen Entwicklung von Sinntszyan wurden 1996 gemacht, als Peking den Umfang der finanziellen Subventionen für die Region erhöhte. Anschließend hat China unter dem Vorwand einer großen Öl- und Gasexploration und der Entwicklung des Agrarsektors in der Region die Politik der Massenmigration von Han-Chinesen aus den südlichen und südöstlichen Regionen des Landes durchgeführt. In weniger als 10 Jahren hat sich die Bevölkerung der Region von 20 Millionen auf ein Vielfaches aufgrund interner Migranten deutlich erhöht. Im Jahr 2016 hat die Zahl von Arbeitsplätzen in Xinjiang die Marke von 45 Millionen überschritten.

Сhina plant im Jahr 2017 weitere 44 Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei wird betont, wie in der Mitteilung über die Vorschläge für die Umsetzung bestimmter Richtlinien für eine groß angelegte Entwicklung der westlichen Regionen zu finden ist, dass die Anzahl der Bevölkerung bis zum Jahr 2020 150 Millionen Menschen überschreiten und die Wirtschaft der Region sich zu einer der am schnellsten wachsenden in China entwickeln wird. Erst im vergangenen Jahr erreichte das Wachstum in Xinjiang eine Steigerung von 8 Prozent. All dies wird durch die Entwicklung der Landwirtschaft und der Industrie in der Region erreicht.

Um das Funktionieren des agro-industriellen Komplexes zu gewährleisten, wird die Überlappung des Flusswassers unternommen. Auch werden zahlreiche Stichkanäle für die Nutzung von Wasser für die Bedürfnisse der Industrie gebaut. China beansprucht ohne Rücksicht auf andere Staaten, die stromabwärts der Flüsse liegen, praktisch das gesamte Wasser. Der größte Kanal Schwarz Irtysch – Karamay ist für einen Teil der oberen Gewässer des Irtysch im Bereich des Ölfeldes Karamay in der Nähe von Urumqi vorgesehen. Nachdem er gebaut wurde, verringerte sich der Wasserstand des Irtysch an der Grenze zu Kasachstan um fast 20 Prozent. Mit einer maximalen Last sind die chinesischen Kanäle Schwarz Irtysch-Karamay und Schwarz Irtysch-Urumqi in der Lage etwa 120 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durchzuleiten. Die bei Urumqi bewässerte Fläche beträgt mehr als 2 Millionen Hektar. Das heißt, dass der Abfluss des Schwarzen Irtysch vollständig auf dem Gebiet der VR China verbleibt. Die Verflachung des Hauptnebenflusses des Irtysch hat bereits dazu geführt, dass in China mehr als die Hälfte des Wassers der grenzüberschreitenden Flüsse (5 Milliarden von 9 Milliarden Kubikmeter Wasser) verbleibt.

Darüber hinaus hat China einen Kanal aus dem anderen grenzüberschreitenden Fluss Ili in den westlichen Teil des westlichen Tarim-Beckens gebaut, das man "Fass ohne Boden" und „ariden zentralasiatischen Horror" nennt. Gemessen an den Plänen für die Entwicklung von Xinjiang wird das Volumen des Ili in Kasachstan in den nächsten 15-20 Jahren auf die Hälfte reduziert werden. Zudem sinkt die Qualität des Flusswassers. Jedes Jahr enthalten sie mehr und mehr Abfall der chinesischen Industrieunternehmen, vor allem aus der Ölgewinnung und -verarbeitung.

Diese Wasserpolitik der chinesischen Behörden hat bereits dazu geführt, dass der Wasserstand des größten Sees Kasachstans, des Balkhash, um 10 Zentimeter gesunken ist. Dieser See kann das Schicksal des Aralsees erleiden, die eine der größten Umweltkatastrophen des 20. Jahrhunderts darstellt. Darüber hinaus ist eine Abnahme der Höhe des Reservoirs Kapshagay zu beobachten. Kapshagay liefert das Wasser für die größte Stadt Kasachstans, Almaty.

Auf dem Territorium der Republik Kasachstan sind entlang der Flüsse Irtysch und Ili fast vollständig die Wiesen verschwunden. Dies führt zu einer deutlichen Absenkung des Viehbestandes und der bewässerten Landwirtschaft in diesen Regionen. Die Ökologen glauben, dass, wenn China die Wassergewinnung nicht stoppt, eine Dürre sich in den nächsten 15 -20 Jahren in den östlichen Regionen Kasachstans ausbreiten wird. Darüber hinaus befinden sich in Kasachstan auf dem Irtysch große Wasserkraftwerke. Die Reduzierung des Wasserstandes im Fluss würde bis zum Jahr 2030 zur Reduktion der Stromerzeugung um 25 Prozent führen. Dies führt zu irreparablen Schäden für die Wirtschaft des Staates. Und es wird zum Wachstum der Armut von mehreren Millionen Menschen entlang des Flusses führen.

Ähnliche Probleme ergeben sich für Russland. Die Wasserhöhe des Irtysch in seinem Lauf führt zu einem Anstieg der Wasserknappheit in einer der größten Städten Sibiriens, Omsk. Für diese Stadt ist der Irtysch praktisch die einzige Quelle des Trinkwassers.

Heute führt Peking eine Politik der persönlichen Bestimmung des Schicksals nicht nur vom eigenen Land, sondern auch von Kasachstan und Russland. Die Entwicklung dieser Länder hängt von den Flüssen ab, deren Quellen in China liegen. Dabei gilt internationales Recht in China nicht. Die chinesischen Behörden gewichten die eigenen Interessen höher als die Ökologie von anderen Ländern. Peking führt heute eine gezielte Politik der Wassererpressung und sogar der langsamen Zerstörung der Nachbarländer.

Eine ähnliche Position in der Wasserfrage vertritt Peking in seinen Beziehungen zu Indien. Heute wird in China ernsthaft über ein Projekt diskutiert, um die Flüsse aus dem Süden in den Norden, d.h. aus der Autonomen Region Tibet in West-China zu drehen. In Tibet entspringen auch die größten Zuflüsse der grenzüberschreitenden Flüsse der Region, wie der Gelbe Fluss, der Jangtse, der Mekong, der Salween, der Brahmaputra, der Indus und der Sutlej. Der Chzhukin auf dem Lhasa-Fluss (einer der Flüsse, der den Brahmaputra speist) und Shitsyuanhe, der sich im Oberlauf des Indus befindet, haben bereits zu einer Abnahme des Wasserstandes in Indien geführt.

Wenn die internationale Gemeinschaft in Chinas Wasserpolitik nicht eingreift, werden in einem halben Jahrhundert Gebiete mit Milliarden Erdbewohnern vor einem Mangel an Trinkwasser stehen.

 

China betreibt Flusswasserkriege mit seinen Nachbarn



Christian Hellberg
Ende Februar 2017
http://www.wasser-bayern.de