Eurasien - Politik

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In Zentralasien sind einige Fortschritte zur Lösung eines der Schlüsselprobleme der Region, die Wasserressourcenverteilung, zu verzeichnen. Es geht momentan um die Verhandlungen zwischen Kirgisistan und Kasachstan. Wenn es in nächster Zeit nicht gelingt, alle fünf zentralasiatischen Staaten Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisistan und Kasachstan an einem Gesprächstisch zu versammeln um einen Konsens über die Wasserverteilung in der gesamten Region zu erreichen, dann wird es in Zentralasien einen Konflikt um Wasserressourcen geben.

Die Region Zentralasien leidet an Wassermangel. Dabei sind die Wasserressourcen extrem ungleich verteilt. Kirgisistan und Tadschikistan liegen an den Oberläufen der relevanten Flüsse und haben Wasserüberschüsse. Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan leiden als Hauptverbraucher an Wassermangel. Kirgisistan und Tadschikistan haben hingegen große Energiedefizite.

Diese Wasser- und Energieverteilung wurde noch während der Sowjetzeit bestimmt: die Oberlieger erhielten die von ihnen benötigenden Energieressourcen, die Unterlieger das Wasser. Ganz einfach. Tadschikistan und Kirgisistan sammelten im Winter das Wasser in ihren Nurekskaja, Kairakkumskaja und Toktogulskaja Wasserkraftspeichern und im Sommer lief das Wasser für die Bewässerung der Ackerländer in Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan ab. Dafür bekamen die beiden Länder Strom und Erdgas. Dieser Barterhandel zerfiel mit dem Ende der Sowjetunion. Die zentralasiatischen Länder fingen an, miteinander marktwirtschaftliche Beziehungen zu pflegen. Hierbei hatten Kirgisistan und Tadschikistan keine vorteilhafte Ausgangslage. Die Elektroenergie sollten sie kaufen, das Wasser aber völlig kostenlos fließen lassen.

Selbstverständlich versuchen beide Länder ihre eigene Energiesicherheit zu gewährleisten. Tadschikistan baut den Rogunskaja Staudamm auf dem Fluss Wachsch und das Daschtidschumskaja Wasserkraftwerk auf dem Fluss Pjandsch. Kirgisistan baut zwei Kambartinskaja Wasserkraftwerke auf dem Fluss Naryn. Diese Maßnahmen riefen ein Protest seitens des größten Wasserabnehmers, der Republik Usbekistan, hervor. In Taschkent fürchtet man, dass die Kambartinskaja und Rugunskaja Wasserkraftwerke die Völkerrechtsnormen verletzen und den Zugang zum Wasser einschränken werden, was folglich zu wirtschaftlichen und ökologischen Schäden führen wird. Umweltschäden bedeuten die Schrumpfung des Wasserzuflusses in den Aralsee, der ohnehin fast ausgetrocknet ist. Die wirtschaftlichen Schäden bedeuten für Usbekistan Verluste in der

Baumwollindustrie, die den Löwenanteil des Wassers benötigt. Dazu könnten die in Kirgisistan und insbesondere in Tadschikistan gebauten Wasserkraftwerke eine Konkurrenz für den Export der usbekischen Elektroenergie auf den energieintensiven Märkten in Südasien darstellen.

Interessant ist dabei, dass man sich in Taschkent trotz der Empörung gar nicht an den Gesprächstisch setzen will, um einen für alle Parteien akzeptablen Kompromiss zu finden. Die Gespräche in der Region werden eher auf bilateraler Basis geführt. Dabei sollten alle Staaten verstehen, dass für eine vernünftige Lösung und Verteilung der Wasser- und Energieressourcen in der Region alle fünf Staaten gemeinsam verhandeln müssen.

Es gibt noch einen anderen relevanten Faktor. Die Qualität der Wassernutzung in der Region. Trotz dem akuten Wassermangel entlang der unteren Flussstrecke benutzen die Länder die Wasserressourcen nicht sehr effizient. Nirgendwo in der ganzen Welt wird so viel Wasser pro Kopf verbraucht wie in den Staaten Zentralasiens. Turkmenistan und Usbekistan verbrauchen doppelt soviel Wasser wie die Vereinigten Staaten. Die turkmenische Hauptstadt Aschgabad mit 700.000 Einwohnern hat einen Wasserverbrauch vergleichbar mit dem in Chicago, wo 3. 000.000 Menschen leben.

Ein sensiblerer Umgang beim Wasserverbrauch ist in Kasachstan zu beobachten. Das Land liegt „am Ende der Wasserstrecke" und verwendet jeden Wassertropfen sparsam. Trotz des von Jahr zu Jahr schrumpfenden Wasservolumens des Fluss Syrdarja verursacht durch Usbekistan, gelang es Kasachstan seinen (nördlichen) Teil des Aralsees zu regenerieren. In den Südregionen Kasachstans wird heutzutage die tropfenweise Bewässerung kultiviert. Außerdem vereinbarte Kasachstan mit Kirgisistan den Tausch von Elektroenergie „zu einem gewissen Preis". Im August lieferte Kirgisistan die Energie an Kasachstan und im Herbst bekommt das Land die Energie zurück. Gleichzeitig wird vom Wasserkraftwerk Kurgkanskaja 350 Kubikmeter Wasser pro Sekunde an die Landwirtschaftsabnehmer Kasachstans durchgeleitet. Im Prinzip wurde der alte Warentausch Wasser gegen Energie wieder eingeführt. Die Rückerstattung der Energie aus Kasachstan lässt nicht nur das gewünschte Wasservolumen im Toktogulskaja Wasserkraftwerk im Laufe der Herbst-Winterperiode aufbewahren, sondern auch die Wasser-Energiebalance.

Diese Vorgehensweise wird seitens Usbekistans während der Verhandlungen mit den Nachbarländern abgelehnt. Taschkent bevorzugt es, die Probleme mit Protestnoten oder Kraftdemonstrationen zu lösen. Etwas ähnliches ist neulich geschehen. In Ungar-Too im Dschalalabad-Gebiet Kirgisistans zogen beide Seiten ihre jeweiligen Polizeieinheiten zusammen. Diese Nervosität an den Grenzen zwischen den beiden Staaten wird von einem ungelösten Streit wegen der Nutzung des Orto-Tokojskoje Wasserkraftwerkes (in Usbekistan Kosanajskoje genannt) angetrieben. Dieses Wasserkraftwerk liefert Wasser an beide Staaten. Das in der Sowjetzeit gebaute Wasserkraftwerk ist zu einem Zankapfel zwischen Kirgisistan und Usbekistan nach dem Zerfall der Sowjetunion geworden.

Es ist nicht auszuschließen, dass ähnliche Konflikte in den Beziehungen zwischen Taschkent und Duschanbe entstehen werden, da in Tadschikistan das Projekt zum Bau des Rogunskaja Wasserkraftwerkes realisiert wird. Dies ist nicht im usbekischen Interesse.

Diese Streitpunkte zeigen, dass ohne gemeinsamer Lösung der regionalen Probleme der Kampf um die Ressourcen in der Region beginnen wird. Alle zentralasiatischen Länder sollen endlich die gegenseitige Abhängigkeit akzeptieren. Sie sollen ihre eigenen Möglichkeiten nicht nur für sich allein nutzen, sondern zum Wohl der Nachbarländer, was der Entwicklung der ganzen Region dient. Dafür ist die Gründung der Union der Zentralasiatischen Staaten notwendig, ihre Perspektiven wurden in letzten Jahren erörtert. Diese Union kann heute eine Plattform darstellen, um einen von allen Staaten akzeptierten Konsensus zu erreichen. Dieser liegt beim Aufbau eines vernünftigen Systems des Wasser-Energiebalance.

 


©picture-alliance/dpa/T.Kazangapov
Foto : dpa
ukrinform.de
Das Wassermanagement in Zentralasien erfordert Kooperation statt
Konfrontation


Christian Hellberg
Ende Oktoberr 2016
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