Die Tatsache, dass China eine leise Expansion in, sowie außerhalb der Region führt, ist kein Geheimnis. In Kasachstan zu expandieren gelingt der Volksrepublik aber nicht so einfach, da das politisch stabile System im Land und der starke Einfluss Russlands dies nicht ermöglichen. Kirgisistan ist aber ein anderer Fall. In der Republik sind immer noch die Folgen der Revolutionen zu spüren, es wird ein Kampf zwischen Klans geführt und extremistische, religiöse Gruppierungen haben dort einen fruchtbaren Nährboden gefunden. Zudem ist die Korruptionsrate dort sehr hoch.

Heutzutage plant man einen wichtigen Transportkorridor über Kirgisistan zu bauen, der China mit den Ländern des Nahen Ostens und darüber hinaus über die Türkei mit der Europäischen Union verbindet. Die Idee des Transportkorridors über Zentralasien entstand Mitte der 1990er Jahre. Der Güterstrom aus China nach Europa und zurück ist enorm, die Containertransporte sind zwar billiger, aber länger. Aus heutiger Zeit ist jeder eingesparte Tag wertvoll. Das Projekt der Eisenbahnlinie China – Naher Osten ist ein Bestandteil der chinesischen globalen Entwicklungsstrategie der „Seidenstrasse". Während der nächsten 30 Jahre plant die VR China den wirtschaftlichen Einfluss auf die Region und darüber hinaus zu erweitern.

Die Eisenbahnlinie China – Kirgisistan – Usbekistan – Turkmenistan – Iran als Teil des Gliedes des Projekts China – Naher Osten – Europa ist in Planung. Der erste Teil ist der Bau der Trasse zwischen China und Kirgisistan mit einer Länge von 472 Kilometern und der europäischen Spurbreite von 1435 Millimetern. Diese Spurbreite zieht sich durch alle postsowjetischen Republiken. Die Spurbreite war einer der Streitpunkte zwischen Kirgisistan und China während der Verhandlungsgespräche zum Projekt.

Das Problem liegt dabei in den fehlenden Finanzmitteln bei der Regierung in Bischkek: Der Bau der Eisenbahnlinie auf dem kirgisischen Territorium kostet etwa 2 Milliarden US-Dollar. Deswegen übernimmt China die Finanzierung. Kirgisistan stellt seinerseits den Chinesen das Territorium für den Bau und die Erschließung der Lagerstätten zur Verfügung. Die Eisenbahnstrecke soll weiter durch Usbekistan, Turkmenistan und Iran gebaut werden. Kirgisistan ist für China dank seiner geopolitischen Lage und der Naturressourcen attraktiv. Andererseits ist der Korridorbau durch Kirgisistan und Usbekistan mit großen logistischen und politischen Risiken verbunden. Bis zu den Häfen im Nahen Osten werden die Güter viele Grenzpunkte passieren, bis Iran allein sind es vier Grenzübergangsstellen. Des Weiteren erwartet sie noch eine Grenze mit der Türkei, zwei Fährüberfahrten über den Vansee und den Bosporus und erst dann kommt Europa. Das heißt, dass der Transit teuer ist.

Das zweite Risiko ist ein Politisches. Heute ist die Position des Präsidenten Atambajew nicht so stark, wie es scheint. Die Opposition verlautbarte mehrfach ihre Vorwürfe. Es ist ein militärischer Putsch nicht auszuschließen. Die vorherigen Revolutionen in Kirgisistan verliefen in ähnlicher Art und Weise.

Das dritte Risiko stellt der enorme Aufstieg des Islamismus in Kirgistan und somit die Entwicklung des Landes zum Stützpunkt des IS (Daesch) in Zentralasien dar. Kirgisistan ist das einzige Land in der Region, wo die Organisation „Tabligi Jamaat" offiziell nicht verboten ist. „Tabligi Jamaat" ist die Basis für die Ausbildung von Terroristen aus Al-Qaida-, Taliban- und IS (Daesch)-Strukturen. In letzter Zeit sagen Experten die Stärkung der inneren Destabilisierungskräfte voraus, die ein Kalifat auf dem Territorium des Landes gründen wollen.

Usbekistan bereitet sich auf die Abwehr von Attacken seitens der Islamisten vor, die sich laut usbekischer Angaben im Norden von Afghanistan in einer Gesamtstärke von bis zu 10.000 Kämpfern gesammelt haben. Im Falle einer Terrorwelle in einem Land der Region wird sich das Feuer automatisch auf die Risikonachbarländer Usbekistan und Kirgisistan ausbreiten. Dabei könnte Kirgisistan als erstes Feuer fangen.

Das Beispiel Afghanistans zeigt, dass der Konflikt in Syrien über Jahrzehnte dauern kann. Das bedeutet, dass die islamistische Terrorgefahr über der gesamten Region noch lange schweben wird.

Der kostspielige Transportkorridor entlang der Grenze mit Afghanistan kann verlustbringend sein: Die Lastwagen können auf dem kirgisischen oder usbekischen Territorium beraubt oder gewaltsam angegriffen werden. Es gibt aber eine gute Alternative zur obengenannten Route – etwas nördlicher durch das Territorium von Kasachstan und Russland bis zu den Grenzen der EU. Hier ist es sicherer und es bestehen keine Grenzen dazwischen, da beide Länder Mitglieder einer Zollunion sind.

Eine zweite Möglichkeit stellt der Weg von Kasachstan über Turkmenistan und Iran dar, der ein Teil des internationalen Transportkorridors „Nord – Süd" ist. Das chinesische Projekt kann man zu diesem Transportkorridor in Turkmenistan anschließen: Die Güter müssen nach Iran auf der bereits gebauten Strecke transportiert werden. Heute gibt es auch ein Eisenbahnnetz von der chinesischen Grenze bis nach Turkmenistan. Diese beiden Strecken sind sehr günstig, da sie relativ niedrigere Eisenbahntarife beinhalten. Schließlich gibt es noch eine dritte Alternative: Die Autobahn von Westeuropa nach Westchina.

Falls die Lage in Kirgisistan eskaliert, kann der Güterstrom gestoppt werden und über alternative, sichere Routen verlaufen. Das Land wird dadurch jährlich etwa 200 Millionen US-Dollar durch den ausfallenden Transit verlieren. Dabei wird das Land gegenüber der VR China Schulden in Milliardenhöhe haben und eigene Lagerstätten verlieren, die für den Straßenbau den Chinesen übertragen werden.

Hierbei ist noch die Meinung des kirgisischen Präsidenten Almasbek Atambajew zu erwähnen, der sich vor ein paar Jahren gegen den Bau der Magistrale China – Kirgisistan – Usbekistan aussprach, da die Eisenbahntrasse überwiegend den Interessen anderer Länder dient und Kirgisistan davon keinen großen Vorteil haben wird. Anscheinend bot Peking den Kirgisen nun zwischenzeitlich gutes Abfindungsgeld an…

Photo: camonitor.kz
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Die leise Expansion der VR China in Zentralasien

Christian Hellberg
Ende Juli 2016