Kasachstan und China verbinden mehr als 20 grenzüberschreitende Flüsse, von denen die Größten der Irtysch, der Ili, der Talas und der Korgas sind. Die Ressourcen dieser Flüsse sind die wichtigsten Quellen des Frischwassers für die Volksrepublik China, als auch für Kasachstan.

Beide Länder, vor allem Kasachstan, sind sich der Bedeutung der Ressourcenschonung dieser grenzüberschreitenden Flüsse, der Erhöhung des Wasservolumens und der Bekämpfung der Verschlechterung der Wasserqualität in den Flüssen bewusst. Andernfalls könnte es zu einer ökologischen Katastrophe im Balchaschsee und dem Zaisan kommen.

Nach Ansicht der chinesischen Führung in Peking ist das Wasserproblem eine der Hauptbarrieren auf dem Weg der nachhaltigen Entwicklung Chinas. Die Lage der Wasserreservoirs befinden sich auf dem Territorium der Volksrepublik China sehr ungleichmäßig verteilt. Der Westen des Landes kämpft traditionell mit der Ausbreitung von Wüstengebieten. Dabei beträgt der dortige Pro-Kopf Verbrauch von Wasser nicht mehr als ein Drittel der anderen Regionen des Landes. Es ändert sich aber auch das Verhalten bezüglich des Konsums der nationalen Wasserressourcen. Während Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein Hauptkonsument des Wassers mit einem Anteil von 82 Prozent die Landwirtschaft war, so ist dieser Anteil auf 66 Prozent gesunken. Gleichzeitig ist der Anteil des industriellen Verbrauchs auf 25 Prozent gestiegen.

Es gibt in jeder chinesischen Provinz eine Filiale des nationalen Wasserministeriums. Darüber hinaus befindet sich in der zu Kasachstan grenznah gelegenen Provinz Xinjiang das gesonderte Departement für Wasserressourcen Xinjiangs der Volksrepublik China, welches sich auch mit den Wasserproblemen Zentralasiens beschäftigt. Diese Institution ermöglicht der Regierung die Kontrolle über die Durchführung von Projekten zum Thema Wasser und ist zudem auch an Plänen und Projekten für den Bau von Wasserkraftwerken auf den Flüssen der Provinz Xinjiang beteiligt.

Seit den späten 1990er Jahren implementiert die chinesische Regierung ein groß angelegtes Projekt, das seine westlichen Regionen entwickeln soll. Die „Strategie der Entwicklung des Westens in großem Umfang" enthält Pläne, die die Nutzung der Wasserressourcen, vor allem im Gebiet Xinjiang, intensivieren soll. Insbesondere in Bezug auf den Irtysch haben die chinesischen Behörden seit Ende der 1990er Jahre das „Project 635" entwickelt. Auf dem Fluss haben seitdem groß angelegte Bauarbeiten stattgefunden. Eines der Hauptziele des Projekts war der Bau der Entwässerungsrinne „Irtysch-Karamay". Der Kanal wurde im August 2000 in Betrieb genommen. Er hat eine Breite von 22 Metern und die Länge beträgt 300 Kilometer.

Der Bau dieses Kanals und andere infrastrukturelle Maßnahmen stellen nur den ersten Schritt bei der Umsetzung des „Projektes 635" dar. Die weiteren Arbeiten an diesem Projekt werden sich voraussichtlich bis zum Jahr 2020 fortsetzen. In diesem Zusammenhang ist es ein Anliegen der lokalen Regierung von Xinjiang die Anbaufläche von Baumwolle und Getreide in der Autonomieregion zu erweitern, als auch die Bereitstellung von Wasser für neue Industrieanlagen im Gebiet von Karamay zu erhöhen.

Ergebnisse von Studien in Kasachstan zeigen auf, dass ein groß angelegter grenzüberschreitender Ausbau des Irtysch negative Folgen für Kasachstan zur Folge hat:

- Störung des natürlichen Wasserhaushaltes und des Naturhaushaltes im Bereich der Balchaschsee und des Zaisan;
- Verschlechterung der Epidemiologie und der Umweltbedingungen in diesen Regionen, Verschlechterung des Klimas, natürliche Zunahme der Konzentration von Schadstoffen im Wasser, so dass es praktisch für die wirtschaftliche und Haushaltsanwendung unbrauchbar ist;
- Abnahme der Bedeutung des Irtysch-Wassers für die Stromerzeugung: bis zu 25 Prozent bis zum Jahr 2030 und bis zu 40 Prozent bis 2050;
- Aussetzung der Navigation auf dem Irtysch ab dem Jahr 2020;
- Abbau von Auen am Irtysch, wodurch das Buchtarma Reservoir beeinträchtigt und seine Trennung vom Zaisan manifestiert wird;
- Erschwerung der Probleme bezüglich der Wasserversorgung von Küstenorten und geringere Ernteerträge.

An den Ufern des anderen wichtigen grenzüberschreitenden Flusses haben die chinesischen Behörden geplant, mehr als 30 Kraftwerke, mehr als zehn große Stauseen, Talsperren und andere Bauten zu errichten. Derzeit umfasst die Wasseraufnahme des Ili-Flusses auf dem chinesischen Territorium etwa 3,5 Kubikkilometer pro Jahr. Prognosen besagen, dass der Anstieg in den kommenden Jahren bis zu 5 Kubikkilometer betragen wird. Nach Schätzungen von Experten kann die Umsetzung der geplanten Projekte auf chinesischer Seite des Ili-Flusses dazu führen, dass im Jahr 2050 in Kasachstan die Wassermenge des Flusses um bis zu 40 Prozent abnimmt. Darüber hinaus führte der Ausbau des Industriesektors in China, vor allem der Erdöl-Produktion und des Raffinerie-Sektors, zur deutlichen Zunahme der Verschmutzung des Flusswassers. Diese neuen Probleme in Verbindung mit der zu beobachtenden natürlichen Wasserknappheit des Ili-Flusses könnten zu einer starken Verflachung des Balchaschsees beitragen. Der Ili trägt etwa zu 75 Prozent am Gesamtzufluss zum Balchaschsee bei.

Derzeit werden die bilateralen Wasserfragen im Rahmen der „Gemischten kasachisch-chinesischen Kommission für die Nutzung und den Schutz der grenzüberschreitenden Flüsse" diskutiert. 2001 unterzeichneten beide Seiten ein wichtiges bilaterales Dokument: Die „Vereinbarung zur Zusammenarbeit bei der Nutzung und dem Schutz der grenzüberschreitenden Flüsse."

Zusätzlich zu dieser Vereinbarung wurden in der Zeit von 2001 bis heute mehr als zwei Dutzend Abkommen und Verträge über die Nutzung der Ressourcen der grenzüberschreitenden Flüsse zwischen Kasachstan und China unterzeichnet. Als Ergebnis gibt es heute den notwendigen Rechtsrahmen für die endgültige Lösung des Wasserproblems zwischen beiden Ländern.

Bisher hat es Kasachstan geschafft, die gleichmäßige Verteilung des Korgas Flusses zu erreichen. Am 13. November 2010 während der 7. Sitzung der bilateralen Kommission wurde die "Vereinbarung über den gemeinsamen Bau des kombinierten Wasserkraftwerkes Dostyk" auf dem Fluss Korgas unterzeichnet. Die Kosten für die Errichtung teilen sich die kasachische und chinesische Seite gleichermaßen. Der Korgas ist der erste Fluss, bei dem eine Einigung über eine gleiche Aufteilung des Wassers zwischen den Regierungen in Astana und Peking erreicht wurde. Das Hauptziel von Kasachstan ist, die gleiche Regelung für den Rest der grenzüberschreitenden Flüsse zu erreichen.

Politische Experten aus Kasachstan sind der Meinung, dass China trotz des früheren Ignorierens des Problems der kasachstanischen Seite entgegen gekommen ist und nun bilaterale Mechanismen den Wasserverbrauch regeln.

Während seines offiziellen Besuchs in der Volksrepublik China im April 2013 thematisierte das kasachstanische Staatsoberhaupt Nursultan Nasarbajew die bestehenden Probleme bei den grenzüberschreitenden Flüssen. Dabei versicherte ihm der Präsident der Volksrepublik China Xi Jinping, dass China an einer konstruktiven Lösung der noch offenen Fragen im Wassermanagement interessiert ist.

Der kasachstanische Außenminister Yerlan Idrisow schlug vor, dass Kasachstan und China eine Vereinbarung über die Wasserverteilung auf den 24 grenzüberschreitenden Flüssen zwischen den beiden Ländern unterzeichnen. Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und das Ministerium für Umwelt und Wasserressourcen Kasachstans schuf 2013 einen „Beirat für die Nutzung und den Schutz der grenzüberschreitenden Flüsse mit den Nachbarländern". Das Expertengremium arbeitet spezifische Empfehlungen zur Förderung der Interessen und Prioritäten Kasachstans in diesem Bereich aus.

Ein Gewinn für beide Seiten: Das grenzüberschreitende
Wassermanagement zwischen der VR China und Kasachstan


Peter Kersten
Mitte Februar 2015