Einen Krimi kann man die vielen ominösen Ereignisse bezüglich des sogenannten Doktor Schoraz nennen. Diese Person ist einer der zahlreichen Ausländer aus dem postsowjetischen Raum, die Schutz in Westeuropa mit dem Ziel suchten, der nationalen Strafverfolgung zu entgehen. Und er gehört zur Kategorie derjenigen, denen das auch lange Zeit gelang.

Wieso wird hierbei die Vergangenheitsform verwendet? Aus dem einfachen Grund, da dieser Herr seinen Wohnort vor kurzem tauschen musste: statt der repräsentativen Villa auf Malta steht ihm nun ein weniger komfortables Zimmer im Untersuchungsgefängnis des Wiener Bezirkes Josefstadt zur Verfügung. Das Landgericht Wien hat bereits mehrmals Entscheidungen über die Verlängerung der Untersuchungshaft getroffen. Alle bisherigen Versuche der Anwälte von Doktor Schoraz, ihren Mandaten gegen Kautionszahlung frei zu bekommen, misslangen. Die Anschuldigungen, die gegen diese Person erhoben werden, sind einfach zu schwer.

Die Rechtsschutzorgane Österreichs verfügen über glaubhafte Informationen die belegen, dass sie es mit einem Mörder zu tun haben. Aus Unterlagen zur Strafsache geht hervor, dass Dr. Schoraz und seine Gehilfen zwei Geschäftsleute getötet haben. Sie wurden mit Psychopharmaka betäubt, erdrosselt und anschließend in Fässern mit Kalk versteckt. Diese Fässer wurden auf einem abgelegenen Gelände vergraben. Das Ziel dieses Mordes war banal. Es handelte sich um die Maximierung des finanziellen Profits. Die Opfer wurden der Folter unterzogen und mussten dabei bedeutende Firmenanteile überschreiben, bevor sie dann als gefährliche Zeugen eliminiert wurden.

Im fernen Kasachstan, wo dieser brutale Mord durchgeführt wurde, kennt man Doktor Schoraz unter dem Namen Rachat Alijew. Er war hoher Beamter und schillernder Geschäftsmann, der vor keinem kriminellen Mittel bei der persönlichen Bereicherung zurück schreckte. Als er schließlich aus seinem Heimatland floh, betrug sein persönliches Vermögen mehrere Millionen US-Dollar. Darüber hinaus verfügte er zu diesem Zeitpunkt über eine ansehnliche Verbrecher-Vita, bei der Mord nur einen Punkt unter vielen ausmacht. Ein kasachisches Gericht hat ihn deshalb zu 40 Jahren Haft in Abwesenheit verurteilt.

Aber Europa als Leuchtturm der Demokratie nimmt fast jeden wohlhabenden Flüchtling auf, sogar wenn es sich um einen Verbrecher handelt. Aber zuerst gilt immer die Unschuldsvermutung. Umso so mehr trifft dies auf Alijew zu, der ein superreicher Mensch ist, für den es deutlich einfacher war, das Gesetz zu umgehen.

Auf diese Weise ist es dem 2007 aus Kasachstan geflohenen Doktor Schoraz gelungen, mit einer Zeitverzögerung von sieben Jahren im Untersuchungsgefängnis zu landen. Dabei stellt sich die berechtigte Frage in Bezug auf die Mordanschuldigungen gegen Alijew: Warum wurden umfassende Untersuchungsmaßnahmen nicht sofort unternommen? Worauf warteten die Rechtsschutzorgane Österreichs all die Jahre?

Kasachstan hingegen forderte bis 2011 die Auslieferung Rachat Alijews, bekam aber letztlich einen abschlägigen Bescheid. Der Oligarch feierte den Sieg. Aber er hatte nicht berücksichtigt, dass laut internationaler Abkommen Österreich dazu verpflichtet ist, wenn ein Staat auf eine Auslieferung verzichtet, die Untersuchung selbst durchführen muss. Der Fakt, dass Doktor Schoraz im Untersuchungsgefängnis sich wieder fand, sagt einiges. Die intensive Untersuchung wurde im Laufe von drei Jahren durchgeführt, zahlreiche Indizien überprüft und mehr als hundert Zeugen befragt. Mit Hilfe von Expertenmeinungen für die vorhandenen Beweise hat die Wiener Staatsanwaltschaft einen europäischen Haftbefehl in Bezug auf den Oligarchen ausgestellt.

Es ist klar, dass die Anwälte des Beschuldigten auf ihrer Auffassung bestehen, dass die Strafverfolgung eine politische Konnotation hat und deshalb gänzlich von Fälschungen ausgehen. Nach ihrer Meinung ist Alijew Opfer von politischer Verfolgung. Jedoch muss dargelegt werden, dass das Bundeskriminalamt im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wien eine sorgfältige Einschätzung der Untersuchungshandlungen Kasachstans durchgeführt hat und zum Schluss gekommen ist, dass keine Gründe vorliegen um zu vermuten, dass die Vorwürfe gegen Alijew und seine Mittäter von den Behörden gefälscht worden sind.

Die Strategie Rachat Alijews und seiner zahlreichen Trabanten ist ganz einfach: sie schaffen ein Trugbild, das durch Verschwörungstheorien unterstützt wird. Der Schutz des Oligarchen basiert auf Theorien, die nicht die geringste Kritik ertragen. Was ist denn Alijew für ein Oppositioneller? Um dies zu erklären reicht es aus, sein letztes Amt zu erwähnen. Er war Botschafter Kasachstans in Österreich.

Wirkliche Oppositionelle verlassen die Heimat, weil sie harte Konfrontationen mit den Machthabern eingehen und weil sie politischen Parteien gründen. Alijew hat sein Land aus anderen Gründen verlassen, er ist ein Verbrecher. Er schuf keine Parteien, kämpfte nicht um Demokratie.

Der Freiheitsentzug ist das gesetzmäßige Ergebnis der siebenjährigen Konfrontation des Oligarchen mit den Strafverfolgungsbehörden. Seine Anwälte unternehmen verschiedene Taktiken, um Doktor Schoraz zu helfen, wieder auf freien Fuß zu kommen, allerdings vergeblich. Sie versuchten sogar aus ihm ein Opfer der Organisierten Kriminalität zu machen. Angeblich wurde er im Gefängnis gekränkt. Massenmedien schreiben, dass er persönlichen Angriffen ausgesetzt wurde.

Herr Alijew wurde nach eigener Aussage bestohlen, erpresst und deswegen in eine Isolierzelle verlegt, teilten Zeitungen mit. Er konnte sich von den Erpressern für ein paar tausend Euro freikaufen. Danach wurde Alijew in eine geschlossene Zelle für zwei Personen verlegt. Eine Verlegung in eine einzelne Zelle wurde als Variante nicht in Betracht gezogen, da die Gefahr eines Selbstmordes von Alijew existiert, bemerkten die Blätter.

An dieser Stelle muss man sagen, dass die Informationen in den Massenmedien sehr widersprüchlich sind. Es ist nicht glaubhaft, dass Verbrechern ein paar tausend Euro reichen. Zudem ist die Annahme eines möglichen Selbstmordes in diesem Fall abwegig.

Aber was würde Alijew davon abhalten, in einer Zwei-Personen-Zelle Selbstmord zu begehen? Im Grunde genommen nichts. Sollten die Information der Massenmedien zutreffen, haben die Zellengenossen dem Oligarchen T-Shirts und Gürtel gestohlen. Und der Gürtel ist das Hauptwerkzeug für Selbstmord im Gefängnis.

Es gibt also viele Fragen. Es kristallisiert sich der Eindruck heraus, dass die Anwälte Alijews auf das Mitleid der Öffentlichkeit zielen. Wird es ihnen helfen? Solange die Verteidiger Rachat Alijews in der Auswahl ihrer Taktik und Strategie alle Mittel anwenden, kommt mehr Beweismaterial der wahrscheinlichen Mitwirkung dieses Menschen an zahlreichen Verbrechen ans Tageslicht. Einer der Gründe, dass der Oligarch hinter Gittern bleibt, ist die Befürchtung, dass er vor der Strafverfolgung fliehen und des weiteren Zeugen bedrohen würde.

Die Lügen des Doktor Schoraz



Christian Hellberg
August 2014