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Am 1. Juli veröffentlichte das Moskauer Meinungsforschungsinstitut Lewada- Zentr die Resultate einer vom 6.-10. Juni durchgeführten Umfrage unter 1.601 Personen, die 18 Jahre und älter waren, in 130 städtischen und ländlichen Siedlungspunkten in 45 Regionen der Russischen Föderation bei einer statistischen Fehlerquote unter 3,4 %.1 Dabei wurde die Frage nach dem Ausscheiden Tschetscheniens aus der Russischen Föderation gestellt mit folgenden Ergebnissen:

- Tschetschenien ist heute schon von Russland praktisch getrennt 12 %,

- Ich wäre über eine solche Entwicklung erfreut 24 %,

- Eine solche Entwicklung würde mich nicht besonders beeindrucken 27 %,

- Ich bin gegen eine solche Entwicklung, könnte mich aber mit ihr abfinden 13 %,

- Eine solche Entwicklung muss mit allen Mitteln verhindert werden, auch mit militärischen 10 %,

- Schwierig zu antworten 14 %.

Insgesamt 23 % der Befragten sind gegen ein Ausscheiden Tschetscheniens aus Russland, 13 % könnten sich aber damit abfinden, 10 % aber wollen eine solche Entwicklung mit allen Mitteln verhindern, notfalls auch mit militärischen. Im Juni 2005 waren mit 20 % doppelt so viele dieser Meinung. Ein knappes Viertel der Bevölkerung wäre über ein Ausscheiden Tschetscheniens aus Russland erfreut. Im April 2009 waren das nur 14 %. 12 % meinen, dass dies praktisch schon geschehen ist. 27 % haben in dieser Frage eine indifferente Meinung. Im Dezember 1998 waren nur 11 % dieser Auffassung.

Zusammengenommen wären 90 % der Bevölkerung mit einem Ausscheiden Tschetscheniens aus Russland einverstanden bzw. könnten sich damit abfinden. Nur 10 % wollen dies mit allen, notfalls auch mit militärischen Mitteln, verhindern.

Der Stellvertretende Direktor des Lewada-Zentrums, Alexej Graschdankin, interpretierte die Umfrageergebnisse so, dass die Russen Tschetschenien nicht als einen Teil Russlands wahrnehmen, sondern als eine „Mine mit langsamer Wirkung“. 2 Die Menschen sehen, dass Tschetschenien ein Territorium mit einem speziellen Verwaltungstyp ist, wo eine besondere Ordnung herrscht und wo die föderalen Strukturen nicht mehr alles steuern, was dort geschieht.

Einen Eindruck vom Verhältnis der Russen zu den Tschetschenen vermittelte ein Zwischenfall im Gebiet Saratow. Am 6. Juli war in der 40.000 Einwohner zählenden Stadt Pugatschow der 16jährige Tschetschene Ali Nasirow mit dem 20jährigen Bewohner der Stadt, dem ehemaligen Fallschirmjäger Ruslan Marschanow, wegen eines Mädchens in einen Streit geraten, der in eine Schlägerei ausartete, bei der Marschanow so schwer verletzt wurde, dass er starb. Am 7. Juli kam es in der Stadt deshalb zu massiven Protesten der Bevölkerung.3 Sie forderte, dass alle ethnischen Tschetschenen aus der Stadt deportiert werden sollen und dass Ende des Zustroms von Nordkaukasiern. Am 8. Juli blockierten Einwohner Pugatschows mehrmals die Hauptstraße. Am 10. Juli blockierten ungefähr 200 Einwohner die Gleise der Eisenbahnlinie Samara-Wolgograd.4 Nationalisten aus anderen russischen Regionen versuchten nach Pugatschow zu reisen, was ihnen aber nicht gelang.

Um die Bevölkerung zu beruhigen, wurde ein Dutzend Tschetschenen in Pugatschow und anderen Ort schaften des Gebiets Saratow inhaftiert. Viele Tschetschenen verließen das Gebiet freiwillig. Mehrere kommunale Polizeichefs wurden ausgewechselt.

Ausscheiden Tschetscheniens aus der Russischen Föderation?

(Deutsch-Russisches Forum e.V., Russische Innenpolitik Juli 2013)